Die letzte Probenphase vom 24.08.2020 bis zum 30.08.2020 in Sondershausen hatte zwei Besonderheiten: Sie war die erste seit der Corona-Krise und unter den Stücken, die wir sangen, war eines dabei, das uns eigens von seinem Komponisten gewidmet wurde. Beide Aspekte haben der Zeit eine ganz besondere Prägung und Stimmung gegeben.

 

Im Achteckhaus der Musikakademie Sondershausen saßen wir mit 1,5 Meter Abstand voneinander entfernt in einem weiten offenen Kreis. Das zentrale Erlebnis der letzten Monate und Wochen, nämlich nicht sicher zu wissen, wo man steht und wie es weitergeht, wurde in diesem großen prächtigen Raum zur musikalischen Realität: Die besondere Chor-Aufstellung brachte es mit sich, dass man vielfach den Eindruck hatte, als sänge man alleine und wüsste eigentlich nicht so recht, ob man noch im Takt und auf dem richtigen Weg ist. Gesanglich also wurde uns ein Lebensgefühl der letzten Zeit spürbar. Zugleich hatten wir so die schöne Möglichkeit, im Singen Sicherheit wieder neu zu entdecken und die Distanz trotz Abstand zu überwinden. Drei ganze und zwei halbe Tage widmeten wir uns also unter strengem Hygienekonzept und mit umso größerer Freude Bachs Motette ‚Komm, Jesu, komm (BWV 229)‘ und Kurt Hessenbergs ‚O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens (op. 37, 1)‘, die wir bereits im Februar bearbeitet hatten, und schließlich zwei Werken von Manfred Schlenker, jenem Komponisten, dem wir die Widmung des zweiten Stückes verdanken. Hier sangen wir einerseits eine Bonhoeffer-Motette, die das berühmte und zeitlose Gedicht ‚Von guten Mächten‘ und ein zweites Gedicht ‚Stationen auf den Wege zur Freiheit‘ vertont und diese zwei Texte – wenngleich auch unabhängig von einander aufführbar – in einen berührenden Zusammenhang bringt. Andererseits eine Vertonung des Peter Hertzsch Textes ‚Vertraut den neuen Wegen‘. Zu diesen zwei Stücken möchte ich sagen, dass ich noch nie zuvor Musik singen durfte, die so stimmig Text und Ton verbunden hat. Die gewählten Texte sind für sich genommen bereits von so großer Tragkraft, dass kaum vorstellbar ist, wie ihnen noch etwas fehlen könnte. Die musikalische Interpretation, die durch Schlenkers Kompositionen hinzutritt, haben mir aber den Eindruck gegeben, dass sie zu sagen schaffen, was die Sprache unausdrückbar lassen muss. Sie machen den Text ganzheitlich hörbar und erfahrbar und ermöglichen ihm damit eine Ebene, die er selbst nur indirekt hat. Immer wieder habe ich die Gedichte für sich genommen gelesen und mich gefragt, wie könnte ein solcher Satz musikalisch wohl gefasst sein, und jedes Mal konnte ich nur staunen über die Passung und über die Vertiefung der Gedanken durch die Musik. Die Widmung ist also in vielerlei Hinsicht ein besonderes Geschenk.

Ebenfalls zu dieser ungewöhnlichen Probenphase gehörte das erste Mal Ensemblearbeit in kleineren Gruppen, die am Ende in einem kleinen Selbst-Konzert, d.h. nur vor und für uns, mündete und zeigte, was auch in einfacher Stimmbesetzung alles möglich ist.

Insgesamt lässt sich sagen, dass es eine tolle und wichtige Erfahrung war, diese Probenphase machen zu können und ich bin sicher, sie hat uns nicht nur musikalisch, sondern auch seelisch gewappnet für die kommende Zeit.